09192018

Wie die Deutschen lernten, den Krieg zu hassen

1914 Erster Weltkrieg, 1934 „RÖHM-PUTSCH“, 1939 Zweiter Weltkrieg, 1944 STAUFFENBERG-ATTENTAT

Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts prägen das kollektive Bewusstsein des Landes

 

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Die hundertjährige Wiederkehr des Ersten Weltkriegs sowie der 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen sollten zum Anlass genommen werden, nachzufragen, wie das kollektive Bewusstsein der Deutschen – eine statistische Resultante – diese Waffengänge verarbeitet hat und welche Schlussfolgerungen die hiesigen Bürger daraus abgeleitet haben.

So viel vorweg: Die Deutschen sind bereit, der Bewahrung des Friedens einen entscheidenden Stellenwert einzuräumen und auf diese Weise einen Fortschritt der Humangeschichte zu erstreben.

Im 20. Jahrhundert ließen gegenläufige weltanschauliche Tendenzen die bestehenden latenten zwischenstaatlichen Interessensgegensätze zu offenen militärischen Auseinandersetzungen eskalieren. Der Nationalismus war eine entscheidende Ursache für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die bestehenden Staaten wollten ihre Stellung zumindest konsolidieren, nach Möglichkeit aber ausbauen. Krieg erschien hierfür ein legitimes Mittel und probates Instrument zu sein.

Nationalismus versus Panslawismus

Das Herrscherhaus Österreich-Ungarns wollte unabdingbar die Struktur des von einer deutschen Minderheit dominierten Reiches bewahren. Daher war Wien entschlossen, die Herausforderung durch die slawischen Völker in seinem Machtbereich einzudämmen, vor allem aber den Expansionsdrang des souveränen Königreichs Serbien gewaltsam zu stoppen. An diesem Konflikt entzündete sich im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg.

Auf der Gegenseite verstand sich Russland, insbesondere der Zarenhof der Romanoffs, als Schutzmacht des Panslawismus. Daher

unterstützte Petersburg neben Serbien auch die Irredenta-Bestrebungen der Slawen in Österreich-Ungarn. Dies wurde in Wien als Herausforderung der eigenen staatlichen Integrität gewertet.

Das zaristische Russland war mit Frankreich und Großbritannien verbündet. Franzosen fast aller politischen Couleur, speziell die Armee und das Außenministerium, waren entschlossen, die Schmach der Niederlage gegen Deutschland im Krieg von 1870/71 zu revidieren und Elsass-Lothringen wieder in die Grande Nation zu integrieren. Das Bestreben „Immer daran denken, nie davon sprechen“ bewog die Französische Republik, sich ab 1894 mit der reaktionären russischen Monarchie zu verbünden, um Deutschland strategisch in die Zange zu nehmen.

Neue und alte Bündnisse

Der andere Verbündete von Paris, Großbritannien, strebte eine balance of power auf dem europäischen Festland an. Das dynamische deutsche Kaiserreich drohte diese Balance zu stören, die London einen ungestörten globalen Imperialismus ermöglichte. Daher schloss sich London 1907 Frankreich und Russland an. So entstand die Triple Entente.

Nach dem Sieg über Frankreich 1871 hatte Reichskanzler Bismarck erklärt, Deutschland sei nunmehr saturiert. Er schloss mit Russland ein

Rückversicherungsabkommen. Doch der junge Kaiser Wilhelm II. entließ Bismarck 1890. Wilhelm liebte es, in prächtigen Uniformen aufzutreten und Deutschlands „Platz an der Sonne“ einzufordern. Der Monarch wollte seine persönliche Unsicherheit durch säbelrasselnde Politik überdecken. Seine Großsprecherei isolierte Deutschland zunehmend. Der Rückversicherungsvertrag mit Russland wurde nicht erneuert. So blieben als Verbündete Berlins lediglich die bedrängte Donaumonarchie und das labile Italien.

Als der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo ermordet wurde, wollte Kaiser Franz Joseph diese Gelegenheit nutzen, Serbien gewaltsam auszuschalten. Kaiser Wilhelm II. verschärfte die Situation durch einen politisch-militärischen Blankoscheck für Österreich-Ungarn. Russland wiederum stellte sich hinter Serbien. Frankreich sah den Bündnisfall gegeben.

So taumelten die Mächte Europas, wie dies der Historiker Christopher Clark beschreibt, wie „Schlafwandler“ in den Ersten Weltkrieg. Noch

Kranzniederlegung für Opfer des Nationalsozialismus

ehe der Waffengang vorbei war, wurde im Februar 1917 die russische Monarchie gestürzt. Im Folgejahr fegten im Angesicht der Niederlage Revolutionen die Monarchien Deutschlands und Österreichs hinweg.

Europa taumelt in den Krieg

Dies bedeutete keineswegs das Ende des Nationalismus. Aus der Donaumonarchie gingen die Nationalstaaten Ungarn und Tschechoslowakei 

hervor. In Deutschland führten die militärische Niederlage sowie die harten Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles zu einer Eskalation des Nationalismus in einen Chauvinismus. Am Ende sollten Hitlers Nazis die Früchte dieser Radikalisierung der deutschen Bürger ernten.

Die Zermürbung des Ersten Weltkriegs und der Sturz der Zarenmonarchie waren eine Voraussetzung für die bolschewistische Revolution in Russland im Oktober 1917. Lenin und die Kommunistische Partei hatten ein marxistisches Geschichtsverständnis. Sie waren entschlossen, den Umsturz der bürgerlichen Kräfte um Alexander Kerenski in einen Sozialismus und diesen mithilfe ihrer Parteiendiktatur schließlich in einen globalen Kommunismus zu transformieren. Doch das Ausbleiben der Weltrevolution überzeugte Stalin Ende der 20er Jahre, zunächst den „Sozialismus in einem Lande“ durchzusetzen, was zwangsläufig auch zu einem Wiederaufleben des russischen Nationalismus führte. Dies wurde besonders im Zweiten Weltkrieg forciert.

Vor 75 Jahren, im September 1939, überfiel die Wehrmacht Polen. Der gleichzeitige Einmarsch der Sowjetunion in den Osten des Landes zwang Warschau bald zur Kapitulation. Es folgten Siege über die heutigen Benelux-Staaten, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Jugoslawien und Griechenland, ehe Hitler im Juni 1941 die Sowjetunion angreifen ließ. Sein Ziel war die Vernichtung des kommunistischen Systems sowie ein Landraub, der als „Lebensraum im Osten“ apostrophiert wurde. Die Nationalsozialisten nutzten den Waffengang als Schirm, hinter dem sie die Vernichtung des europäischen Judentums, vor allem in den Lagern Osteuropas, exekutierten. Der Genozid forderte Millionen Tote.

Militärischer und moralischer Zusammenbruch

1945 kapitulierte das Dritte Reich bedingungslos. Deutschland erlitt neben dem militärischen auch einen vollständigen moralischen Zusammenbruch. Der größte Gewinner war die UdSSR. Stalin errichtete in Osteuropa ein System kommunistischer Satellitenstaaten. Doch im Wettstreit mit den westlichen Demokratien, speziell den Vereinigten Staaten, implodierte der real-existierende sowjetische Kommunismus schließlich Ende der 80er Jahre.

Der Sieg der westlichen Demokratien über das kommunistische Herrschaftssystem inspirierte den amerikanisch-japanischen Historiker Francis Fukuyama damals, das Ende der Geschichte zu postulieren. Fortan würde statt ewigem Sozialismus die unendliche Freiheit der Demokratie die Welt beherrschen. Bald wurde deutlich, dass sich Fukuyama täuschte. Die Geschichte geht weiter, unbeschadet des Scheiterns von Kommunismus und Nationalismus im 20. Jahrhundert.

Welche Konsequenzen hatte dies? 2014 sind weitere Jahrestage hervorzuheben, deren Folgen deutlich machen, dass die Deutschen durchaus willens und in der Lage sind, aus ihrer Vergangenheit zu lernen.

Die Nacht der langen Messer

Ostermärsche Frankfurt

Vor 80 Jahren, im Sommer 1934, war Adolf Hitler entschlossen, die Gelegenheit zu ergreifen, eine unumschränkte Diktatur zu errichten. Die Tage von Reichspräsident Paul von Hindenburg waren gezählt. Die einzige Körperschaft, die neben der NSDAP ihre Macht und relative Unabhängigkeit bewahrt hatte, war die Reichswehr. Das 100.000- Mann-Heer fühlte sich jedoch von der SA, der Parteiarmee der Nazis, bedroht. Diese zählte damals 4,2 Millionen Mann. Deren Stabschef Ernst Röhm wollte die „graue“ Reichswehr im „braunen Meer“ seiner SA-Truppe aufgehen lassen. Röhm wäre damit der alleinige Kommandeur der deutschen Streitkräfte geworden.

Die Reichswehr wehrte sich gegen diese Bedrohung. Das kam Hitler recht. Mithilfe seiner SS-Garde liquidierte er ohne Prozess die Führung der SA einschließlich Röhm. Dies war nur mit der logistischen Hilfe der Reichswehr möglich gewesen. Dabei nahm das Heer hin, dass auch ehemalige führende Offiziere ermordet wurden: der frühere Reichskanzler und Wehrminister Kurt von Schleicher sowie General Ferdinand von Bredow. Reichswehrminister General Blomberg als Repräsentant der Armee legitimierte Hitlers Mordkomplott durch Zustimmung zu einem entsprechenden Gesetz.

Nach Hindenburgs Tod wurde Hitler durch das am 1. August 1934 verabschiedete „Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches“ Führer und Reichskanzler und ließ am Tag darauf die Soldaten der Reichswehr auf sich persönlich vereidigen: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten […] und […] für diesen Eid mein Leben einsetzen“ werde. Im gleichen Atemzug ordnete Hitler das Ende des Waffenmonopols der Armee an. Er befahl, eine SS-Verfügungstruppe aufzustellen, aus der ab 1939 die Waffen-SS hervorgehen sollte. Wehrmacht und SS sowie die deutsche Bevölkerung standen hinter ihrem „Führer“ Adolf Hitler und waren bereit, ihm in den kommenden Jahren willig in den Krieg zu folgen.

Misslungener Putsch

Vor 70 Jahren war nüchternen Soldaten klar, dass Deutschland den globalen Krieg verlieren würde, der seit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour und Hitlers Kriegserklärung gegen die USA im Dezember 1941 zum Zweiten Weltkrieg ausgeweitet worden war.

Die Wehrmacht wurde an allen Fronten zurückgetrieben. Neben der bedrängten Ostfront bildete sich nach der Invasion in der Normandie im Juni 1944 eine neue Kampflinie. Die deutschen Städte wurden von anglo-amerikanischen Luftstreitkräften in Schutt und Asche bombardiert. Zudem entfremdete sich eine Reihe hoher Offiziere durch die ihnen bekannt gewordenen Verbrechen der Nazis zunehmend von Hitler. Der Großteil aber blieb ihrem obersten Kriegsherrn dennoch durch ihren Eid und ihre Ängstlichkeit loyal. Doch eine Minderheit war entschlossen, den Diktator zu töten, um Deutschland einen sinnlosen Endkampf zu ersparen, zumindest aber ein Zeichen gegen die Tyrannei zu setzen.

Am 20. Juli 1944 zündete Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Hauptquartier der Wehrmacht, der „Wolfsschanze“, eine Bombe, die Hitler töten sollte. Das Attentat misslang. Dennoch versuchte Stauffenberg mit seinen Mitkämpfern, in Berlin das Naziregime zu stürzen. Der Putsch misslang. Hitler-treue Offiziere und Soldaten schlugen den Aufstand nieder, Stauffenberg und andere Offiziere wurden in der gleichen Nacht erschossen. In den folgenden Monaten wurden die Mitverschwörer vom Volksgerichtshof größtenteils zum Tode verurteilt und später hingerichtet. Hitler konnte seinen Vernichtungsfeldzug fortsetzen, bis alliierte Soldaten fast ganz Deutschland besetzten. Im letzten Kriegsjahr verdoppelten sich die Verluste der deutschen Bevölkerung und Armee. Weitere Hunderttausende Juden wurden ermordet.

Generationenübergreifende Demonstrationen

Das kollektive Bewusstsein der Deutschen hat sich aufgrund der Niederlagen, der Verluste und der Verbrechen, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs, verändert. Die Deutschen hassen den Krieg. Es gibt kein Volk in Europa, das militärischen Einsätzen heute dermaßen kritisch, ja teilweise feindselig gegenübersteht wie das deutsche. Nirgendwo sind Demonstrationen gegen Wehrdienst, Bewaffnung und militärische Interventionen populärer als in Deutschland. Generationenübergreifend! Es gibt antideutsche Ressentiments wegen der wirtschaftlichen Dominanz Deutschlands in Europa. Doch die Abneigung der Deutschen gegenüber Kriegen ist authentisch und glaubwürdig. Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt. Sie wollen, dass nie wieder Krieg von ihrem Land ausgeht.

Photo Credit: public domain/US Army, picture alliance / dpa, picture alliance / dpa

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