01212018

Verlöscht das europäische Judentum?

Antisemitismus, Assimilation und Auswanderung bedrohen die Gemeinschaft

Hitlers Lebensziel, ein „judenfreies Europa“, droht knapp siebzig Jahre nach dem Ende des Naziführers wahr zu werden.

In Frankreich herrscht unter den Juden Angst. Antisemitische Anfeindungen und Verbrechen nehmen seit Jahren zu. Als Folge wandern immer Israeliten nach Israel aus. 2014 emigrierten 10 000 Franzosen gen Zion, dieses Jahr wird mit 15 000 gerechnet. Nach dem jüngsten Mord an Pariser Juden verkündete Premierminister Manuel Valls, ein Frankreich, dessen jüdische Bürger in großer Zahl ihrer Heimat den Rücken zu kehren drohen, sei nicht mehr das Land, in dem er leben möchte. Doch seine Regierung ist nicht in der Lage, die Sicherheit der Juden zu gewährleisten.

Nach dem Völkermord gedieh in Frankreich die größte jüdische Gemeinde mit mehr als einer halben Million Menschen. Parallel dazu entstand die zahlreichste muslimische Minderheit Europas. Die mangelhafte soziale und wirtschaftliche Integration vieler Mohammedaner ist eine Ursache für die politisch-religiöse Radikalisierung eines zunehmenden Anteils von Jugendlichen, was wiederum eine Voraussetzung für deren Hass und Übergriffe auf die Juden ist. Der andere Faktor ist die weitgehende Untätigkeit der Behörden. Trotz fortwährender Solidaritätsbekundungen gegenüber den Israeliten wurde zu wenig für deren Schutz unternommen. Nach dem Bekanntwerden der Folter und des Mordes an dem jüdischen Verkäufer Ilan Halimi durch muslimische Jugendliche, die meinten, Israeliten müssten Geld besitzen, im Jahre 2006 versprachen Politiker fortan größere Sicherheit für die Juden. Vor zwei Jahren ermordete in Toulouse Mohamed Merah einen Rabbiner und dessen Kinder. Ende vergangenen Jahres wurde in Paris ein jüdisches Paar überfallen, die Frau wurde vergewaltigt. Wiederum wollten die Täter die vermeintlich vermögenden Juden berauben. Unmittelbar nach dem Massaker bei Charlie Hebdo wurden vier Juden in einem koscheren Geschäft umgebracht. Als sich der israelische Ministerpräsident Netanyahu entschloss, an der Trauerfeier für die Terroropfer teilzunehmen, wurde ihm seitens der französischen Regierung bedeutet, seine Anwesenheit sei unerwünscht, da man eine Verbindung zum Nahostkonflikt vermeiden wolle. Netanyahu reiste dennoch nach Paris und rief die französischen Juden auf, nach Zion auszuwandern, was ihm die Regierung in Paris verübelte.

Das jüdisch-französische Verhältnis ist, abgesehen von einer kurzen Phase in den fünfziger Jahren, als Paris die arabischen Unabhängigkeitsbewegungen bekämpfte und Israel großzügig mit Waffen ausrüstete, traditionell schlecht. Der französische Antisemitismus ist ein historischer Pate des politischen Zionismus.

Dessen Schöpfer, der Korrespondent der Neuen Freien Presse aus Wien, Theodor Herzl, berichtete ab 1894 aus Paris über den Prozess gegen den der Spionage beschuldigten französischen Offizier Alfred Dreyfus. Der Journalist, der sich zunächst kaum für jüdische Belange interessierte, war über den unverhohlenen Judenhass der Bevölkerung, die Rufe „Tod den Juden“ und entsprechende Presseartikel erschüttert. Das Geschehen überzeugte ihn, dass die Assimilationsbemühungen der Juden umsonst waren: „Vergeblich sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten … Man lässt es nicht zu“. Herzls Konsequenz war das Buch „Der Judenstaat“, in dem ein eigenständiges Land der Israeliten gefordert wird, das als Asyl für die bedrohten europäischen Juden dienen sollte.

Trotz des von ihm erlebten zunehmenden Antisemitismus in Westeuropa wähnte Herzl die größte Bedrohung für die Juden in Russland. Denn das zaristische Regime förderte systematisch den Judenhass. Die russische Führung, in deren Herrschaftsbereich, vor allem in Polen, die meisten europäischen Juden lebten, wollte die verhassten Hebräer loswerden. Der Berater des Zaren und Oberprokurator des Heiligen Synod, Konstantin Pobedonostew, trat für eine diversifizierte Strategie ein: ein Drittel der Juden würde aussterben, ein Drittel würde auswandern und das letzte Drittel zum christlichen Glauben konvertieren. Die seit Ende des 19. Jahrhunderts vom Hof geförderten Pogrome, denen tausende Juden zum Opfer fielen, hatten den Zweck, die Israeliten in eine der drei Alternativen zu treiben. Millionen Juden emigrierten vor allem nach Amerika, wo auf diese Weise die größte jüdische Gemeinschaft entstand. Viele russische Juden gingen den diskreten Weg des Abfalls vom Glauben der Väter. Eine kleine Minderheit wurden Zionisten. Jüngere Juden wie David Grün wanderten nach Palästina ein, nahmen hebräische Namen an. Grün nannte sich fortan David Ben Gurion. Er war Israels erster Ministerpräsident.

Ab 1941 besorgten die Nazis und ihre lokalen Helfershelfer die systematische Ermordung von Millionen Juden im einstigen Machtbereich des Zaren.

Doch selbst nach der Ausschaltung des Nazireiches ging die Liquidierung des europäischen Judentums weiter. Von den 3,5 Millionen polnischen Juden hatte etwa jeder Zehnte die Schoa überlebt. Jene, die in ihre Heimat zurückgekehrt waren, wurden durch Pogrome wie in Kielce und an anderen Orten zur Flucht in den Westen getrieben.

Daher sahen sich viele polnische Juden gezwungen, ausgerechnet nach Deutschland, dem Land ihrer einstigen Häscher, zu fliehen. In den Displaced Persons (DP)-Lagern waren sie zumindest vor Verfolgung sicher. Hier bereiteten sie ihre Auswanderung in die USA oder Kanada vor – soweit sie dort erwünscht waren. Nach der Gründung Israels emigrierten die meisten DPs in den jüdischen Staat. Zurück blieben etwa 25 000 Juden, die den Kern der jüdischen Nachkriegsgemeinde Deutschlands bildeten. Erst 1950 wurde in der Bundesrepublik der „Zentralrat der Juden in Deutschland“ gebildet. Das in sollte den vorübergehenden Charakter demonstrieren. So hatte Rabbiner Leo Baeck, der einstige Mentor der hiesigen Juden, nach seiner Befreiung aus dem KZ erklärt, die mehr als tausendjährige Geschichte des deutschen Judentums sei beendet und emigrierte nach England. Die überlebenden Juden im Ausland dachten und handelten ähnlich. Sie verweigerten weitgehend die Rückkehr in ihre deutsche Heimat. Remigranten wie der spätere Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann und Arnold Zweig in der DDR blieben die Ausnahme.

Anfang der 90er Jahre, nach dem Fall der Mauer und dem sich abzeichnenden Ende der Sowjetunion, ergab sich eine unverhoffte Chance zur Renaissance des deutschen Judentums. Die demokratisch gewählte DDR-Regierung gestattete die Zuwanderung von Juden aus der UdSSR. Nach der Wiedervereinigung erlaubte Bonn gegen den Widerstand Israels eine Fortsetzung dieser Praxis. Insgesamt wanderten etwa 200 000 Juden aus den GUS-Ländern nach Deutschland ein. Nur die Hälfte verblieb in der jüdischen Gemeinschaft.

In Russland, wo nach dem Zweiten Weltkrieg noch etwa fünf Millionen Juden lebten, sind es heute gerade eine halbe Million Menschen. Auch im übrigen Europa ist das Judentum auf dem Rückzug.

In Polen leben heute wenige tausend Juden. In Ungarn sieht sich die jüdische Gemeinschaft zunehmenden Angriffen ausgesetzt. Die Jobbik-Partei hat Antisemitismus und Antiziganismus zu ihrem Programm gemacht. Ministerpräsident Orban lässt die Hetzer gewähren. Jeder zweite Grieche hegt antijüdische Vorurteile. Die antisemitische Partei Morgenröte stachelt die Hellenen weiter auf.

70% der britischen Juden spüren eine Zunahme antisemitischer Vorurteile und Vorfälle in ihrem Land. Jeder vierte britische Jude gibt an, eine Auswanderung erwogen zu haben. Die kleine israelitische Gemeinde Schwedens sieht sich einem antisemitischen Zangenangriff ausgesetzt. Islamisten und Antizionisten feinden jüdische Einrichtungen an, während schwedische Chauvinisten und Neonazis die Hebräer mit „altbewährtem“ Antisemitismus traktieren.

Inmitten des zunehmend von antisemitischen Stereotypen geplagten Europa erscheint Deutschland heute den Juden als Insel der Geborgenheit. Zudem ist die Bundesregierung trotz Meinungsverschiedenheiten mit Jerusalem der treueste europäische Verbündete des jüdischen Staates. Eine Folge ist die Beliebtheit Deutschlands, vor allem Berlins, bei jüngeren Israelis. Nicht nur als Reiseziel. Heute leben alleine in Berlin circa 20 000 Israelis. Die Idylle hat Risse. Seit Jahren steigt die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland. Als Juden erkennbare Menschen wurden wiederholt von Jugendlichen aus arabischen Ländern misshandelt und bedrängt. Bei antiisraelischen Demonstrationen werden ohne strafrechtliche Folgen Parolen wie „Juden ins Gas“ gebrüllt. Das schafft auch in Deutschland ein Gefühl der Unsicherheit. „Ich sehe keine existenzielle Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland. Aber wenn diese Situation da wäre, müsste der Zentralrat darauf hinwirken, dass jüdische Menschen das Land verlassen“, erklärt mir der neue Präsident des Zentralrats Josef Schuster.

Die Sonderstellung der jüdischen Gemeinschaft hierzulande ist das Ergebnis der bleibenden historischen Verantwortung. Doch insgesamt verlöscht das europäische Judentum.

Seit der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden im Jahre 70 waren die Länder Europas knapp zweitausend Jahre die Heimat der meisten Juden. Städte wie Mainz, Worms, Prag, Wien, Warschau, Amsterdam, Antwerpen, Saloniki, Riga, Berlin, London, Paris waren und sind teilweise bis heute Zentren jüdischer Religion, Kultur. Dies geschah im Wechselspiel mit der nichtjüdischen Bevölkerung. Die Juden waren – und sind? – Teil der europäischen Identität. Nach dem Völkermord lebten 1945 in Europa etwa sechs Millionen Juden, heute ist es knapp mehr als eine. Wenn den Bürgern und Regierungen Europas an einer intakten jüdischen Gemeinschaft als Teil ihres Kosmos gelegen ist, dann müssen sie die Sicherheit der Hebräer gewährleisten. Die jüdischen Gemeinden wiederum sind angehalten, ihren Mitgliedern wieder eigenständige gesellschaftliche, religiöse und kulturelle Identifikationsmerkmale zu vermitteln. Versäumen Juden wie Nichtjuden trotz anderslautender Beteuerungen diese Aufgaben, dann wird sich das hiesige Judentum zur Historie vergehen, durch Auswanderung, Antisemitismus, vor allem aber durch Belanglosigkeit.


Der Originalartikel ist erschienen in: DIE ZEIT, No. 7, 12. Februar 2015, S. 7 – unter dem Titel “Wir gehen! Europas Judentum ist bald nur Geschichte”

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